28.05.2018

Wie lesen Sie Ihr Leben?


„Stell dir vor: Ich habe ein Wunder erlebt“. Mit verschmitztem Lächeln, voller Freude erzählte der 92-Jährige seiner Tochter von seinem Wunder. Das Laufen geht bei ihm nicht mehr so wie früher. Wie gerne war er immer aufs Fahrrad gestiegen und stundenlang unterwegs. Er hatte es genossen, über weite Wiesen und Felder zu fahren oder durch die Wälder. Er genoss die Natur und die Freiheit. Die Freiheit, aufs Rad steigen zu können und sich an dem zu erfreuen, was um ihn war. Bis fast 90 war das so. Dann wackelte er bedenklich auf dem Rad und musste einsehen, dass es besser war, das Rad stehen zu lassen. Schweren Herzens wohl.

Aber gehen ging ja noch. In einem solchen Alter auch nicht selbstverständlich. Auch wenn das Gehen inzwischen beschwerlich geworden war und er sich zur Sicherheit auf einen Rollator stützte. 

Nach einem der Rundgänge mit dem Rollator um den Wohnpark bemerkte er, dass am Rollator eine Schraube fehlte. Als Ingenieur hat er wohl einen Blick dafür. Ja, mit zunehmendem Alter blieben halt auch die Verluste nicht aus. Das war eben so. Aber dann blitzte seine Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit auf. „Will doch mal sehen, ob die Schraube sich nicht finden lässt“, sagte er sich. Die kleine Schraube wiederfinden, irgendwo auf dem Weg. Ein schier aussichtsloses Unterfangen… 

„Stell dir vor: Ich habe ein Wunder erlebt“, konnte er seiner Tochter wenige Tage später freudestrahlend berichten. Er hatte die Schraube tatsächlich wiedergefunden.

Es sind oft Kleinigkeiten im Alltag, über die er sich freut. Dinge, über die andere achtlos hinweggehen. Er freut sich. Ist dankbar. „Das ist das Schöne“, sagen seine Kinder, dass er sich so freuen kann. Bei allem, was mit zunehmendem Alter beschwerlich geworden ist, dennoch das Positive, das Schöne aufzuspüren, zu entdecken und sich daran zu erfreuen. 

Dafür hat er eine Ader, ein Gespür. Es gäbe gewiss auch Grund genug zum Klagen. Das verbietet er sich. „Ich muss mich zusammennehmen“, sagt er dann. Wie schön, wenn sich einer dann nicht nur zusammennimmt und sich das Klagen verbietet, sondern entdeckt: Da ist ja nicht nur die trübe, die beklagenswerte Seite, sondern es gibt immer noch auch Gelungenes und Schönes. 

     Wie schön, wenn diese Lebensfreude aufblitzt und die Last des Alters überwiegt. Wie schön, wenn einer sich so über eine kleine wiedergefundene Schraube freuen kann. „Glück muss man lesen lernen in dem kleinen Gelingen des Lebens”, so der lebenserfahrene und weise Theologe Fulbert Steffensky.

Vielleicht können Sie das Leben ja auch so lesen und sich über die Glücksmomente freuen. Jedenfalls wünsche ich Ihnen viele davon – wissend, dass das Leben beides hat: bessere und schlechtere Tage.

Herzliche Grüße 

Ihr Pfarrer

Dietmar Volke


 

Ev. Philippus-Kirchengemeinde