20.08.2019

Ein Stoßgebet


„Halt! Stopp! Zurück!", herrscht mich am Flughafen Hanoi ein Grenzpolizist an. Deutlich, aber für mich unverständlich, weist er mich ab. Ich komme nicht weiter. „Warum?“ Panik macht sich breit. „Oh Gott, was jetzt?! Ich verpasse meinen Flug und stecke hier fest. Warum habe ich mich nicht besser vorbereitet auf die Reise und auf die Empfehlung gehört, doch ein Visum zu beantragen?“
Zu meinem Glück hat sich die Situation schnell geklärt. Der Einreisestempelabdruck war falsch datiert. Ohne Visum darf man sich bloß kurz im Land aufhalten. Laut Stempelabdruck war ich einen Tag zu lange im Land. Glücklicherweise konnte ich mein altes Flugticket vorzeigen und mit viel Fürsprache der Fluggesellschaft wieder ausreisen.
Eine heikle Situation. Ab und an geraten wir in solches Fahrwasser. Wir übersehen wichtige Details, sind schlecht vorbereitet oder verhalten uns auf eine andere Weise falsch und manövrieren uns in schwierige Situationen. Dann flehen wir zu Gott, dass er doch bitte alles wieder geradebiegen möge. Und Gott? Er lässt vieles laufen, ist oft sehr nachsichtig, ja geradezu gnädig.
   So wie beispielsweise bei der Geschichte von Jakob. Jakob ist ein Schlitzohr. Er betrügt seinen Bruder. Er lügt, um gesegnet zu werden. Das brachte ihm den Segen. Andererseits aber auch eine zwanzigjährige Flucht ein. Ob es das wert war? Offensichtlich, denn Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.
   Doch auch Jakob muss Lehrgeld zahlen. Der König der Schlitzohren wird von seinem zukünftigen Schwiegervater ausgetrickst. Statt wie versprochen sieben Jahre, muss er für seine Frau Rahel vierzehn Jahre arbeiten. Diesmal versucht Jakob, sich nicht mit einer List einen Vorteil zu verschaffen. Vielleicht hat er aus seinen Fehlern gelernt. Es scheint, als sei die Gnade Gottes zum Ziel gekommen. Und Gott? Er entzieht Jakob den erschlichenen Segen nicht, lässt ihm das krumme Ding aber auch nicht einfach durchgehen. Gott fädelt ein Wiedersehen mit seinem Bruder ein.
Ich kann mir gut vorstellen, wie Jakob das schlechte Gewissen plagte: „Wird mich mein Bruder annehmen oder zurückweisen? Wird er mich vielleicht sogar töten?" Jakob stellt sich der Herausforderung. Er tritt vor Esau als dessen Diener. Doch der hat ihm vergeben und umarmt ihn herzlich.
Frieden schließen, aus Schlechtem Gutes werden lassen - das ist die Spezialität von Gott, die er uns schenkt. Aber er tut es nicht an uns vorbei.
Das wünsche ich Ihnen, wenn Sie, so wie ich am Flughafen, mal wieder ein Stoßgebet Richtung Himmel schicken!
    
Herzliche Grüße
Ihr Pfarrer  Manuel Alem


 

Ev. Philippus-Kirchengemeinde